Ein erster Blick in Finns Welt
Tauchen Sie ein in den Anfang von Finns fesselnder Lebensgeschichte. Hier beginnt alles, wo ein neunjähriger Junge eine Welt voller Herausforderungen und Geheimnisse entdeckt. Lassen Sie sich von den ersten Seiten mitreißen und lernen Sie den Helden kennen, dessen Weg Sie noch lange begleiten wird.
Finn war erst neun, als die Welt um ihn herum in sich zusammenbrach. Der Verkehrsunfall, der seine alleinerziehende Mutter aus seinem Leben riss, hinterließ nicht nur eine Leere, sondern auch tausend Fragen in seinem kleinen Kopf. Von einem Tag auf den anderen fand er sich in einem fremden Haus wieder, umgeben von neuen Gesichtern, die sich Pflegeeltern nannten. Ihre Freundlichkeit war spürbar, doch sie konnte die Stille nicht füllen, die seine Mutter hinterlassen hatte. Er verstand die Welt nicht mehr, diese Welt, die so grausam sein konnte und doch so viele unentdeckte Wunder barg. Dieser Abschnitt wirft einen ersten Blick auf die prägenden Ereignisse, die Finns spätere Entwicklung als Kriminalpsychologe beeinflussen sollten.
Am selben Tag saß ein neunjähriger Junge im nur wenige hundert Meter entfernten Kinderheim „Villa Regenbogen“ allein am Mittagstisch und stocherte mit der Gabel in seinem Essen herum. Es gab Rührei mit Spinat. Teilnahmslos starrte er in den Raum, sah sich um, nahm aber nicht wirklich etwas wahr. Die anderen Kinder unterschiedlichen Alters, etwa zwanzig an der Zahl, saßen an Vierertischen und unterhielten sich lebhaft.
„Rosi“, rief ein kleines Mädchen mit blonder Kurzhaarfrisur in Richtung Tür. „Was gibt es heute als Nachtisch?“
Die angesprochene, schon etwas ältere, freundliche Frau, die ̶ mit dem Rücken am Türpfosten gelehnt ̶ ihre Schützlinge beobachtete, reagierte prompt: „Rote Grütze mit Vanillesoße. Das esst ihr doch so gerne, oder?“
Die Antworten der Kinder schwankten zwischen zustimmendem Gemurmel bis zum spontanen „Oh ja!“. Nur der alleinsitzende Junge zeigte keinerlei Reaktion. Rosi, die eigentlich Rosmarie hieß, beobachtete es mit zunehmender Sorge. Seit ein paar Monaten war der Kleine nun schon bei ihnen und keiner kam an ihn heran. Er verweigerte sich jedem Gespräch, schaltete auch in der Schule auf stur und war mit den Leistungen abgestürzt. Selbst die eingesetzte Psychologin konnte bisher kaum Erfolge verzeichnen.
Rosmarie ging gemächlichen Schrittes zum Tisch des Jungen: „Finn, mein Junge“, versuchte sie es ruhig und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, „du solltest wenigsten ein paar Happen essen.“
Keine Reaktion.
„Du willst doch auch groß und stark werden. Komm, iss ein wenig Spinat. Der ist gesund.“
„Nein!!“, Finn schrie es fast heraus, fuchtelte mit seinen Armen herum und erwischte den Teller, der in hohem Bogen vom Tisch flog. Erschrocken sprang er auf und rannte aus dem Speiseraum in sein kleines Zimmer. Er hasste Spinat, aber das hatte er nicht gewollt. Den Tränen nahe, schmiss er sich auf sein Bett, steckte seinen Kopf ins Kissen und nahm seinen Plüsch-Dackel ganz fest in den Arm.
In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, vereinten sich zu einem Orkan, der ihn aus dem tristen Heimzimmer in sein früheres Kinderzimmer fegte. Er sah die halbaufgebaute Spielzeugeisenbahn auf dem Fußboden und mittendrin den viel zu großen Plastebagger, sah seine Mama, die sich über sein Bett beugte und ihm einen Gute-Nacht-Kuss gab: „Finn, es tut mir leid, aber ich muss heute Nacht arbeiten. Wenn was ist, kannst du jederzeit bei Frau Müller von nebenan klingeln. Sie schaut auch noch mal nach dir. Aber wenn du morgen Früh aufwachst, bin ich wieder da. Schlaf gut, mein Liebling.“
Das Licht ging aus, die Wohnungstür fiel leise ins Schloss und dann war er allein. Mama machte sauber und arbeitete oft nachts. Einen Papa oder Geschwister kannte er nicht, hatte sie bisher auch nicht vermisst. Mama war ja immer da, wenn er sie brauchte.
Am nächsten Morgen, als er aufwachte, war sie nicht da. Barfuß und im Schlafanzug suchte er sie in der kleinen 2-Raum-Wohnung, in der Küche, im Bad, im Wohnzimmer, wo sie ansonsten auf der Couch den Schlaf nachholte, wenn er in der Schule war. Doch die Wohnung war leer. Sie war noch nie weggeblieben. Ratlos und verloren stand er im Flur, als es plötzlich an der Wohnungstür klingelte.
“Mama!“ Finn rannte zur Tür. Vielleicht hatte sie ihren Schlüssel verloren. Doch vor der Tür standen zwei fremde Frauen. Mit weit aufgerissenen Augen sah er sie an.
„Finn, bitte lass uns in die Wohnung“, begann die ältere der beiden. „Wir müssen mit dir über deine Mama reden.“
„Mama ist aber nicht Zuhause“, entgegnete er.
„Das wissen wir“, wandte sich nun auch die zweite, jüngere Frau an Finn. Sie hatte eine Polizeiuniform an und versuchte sacht, die Tür von außen aufzudrücken. Finn ließ die Tür los und rannte in sein Kinderzimmer.
„Du hast aber ein schönes Zimmer“, begann wieder die ältere der beiden Frauen, die ihm in die Wohnung gefolgt waren. „Ich schlage vor, du gehst erst einmal ins Bad, machst dich frisch, putzt dir die Zähne und ziehst dich an. Soll ich dir dabei helfen?“
„Kann ich allein, bin doch schon groß“, belehrte sie Finn. „Gut, dann warten wir im Wohnzimmer auf dich.“ Finn beeilte sich, spritzte sich kurz Wasser ins Gesicht, putzte die Zähne, stieg in seine Sachen vom Vortag und stürzte ins Wohnzimmer, gerade als die junge Polizistin ihr Handy vom Ohr nahm, ihn mit angstvollen, weit aufgerissenen Augen anschaute, zu der neben ihr sitzenden älteren Frau schaute und kaum merklich den Kopf schüttelte.
Das Schweigen wurde Finn unerträglich. „Wo ist meine Mama?“, platzte er heraus. „Warum kommt sie nicht nach Hause?“ Es klang wie ein ängstlicher Aufschrei.
„Komm mal her zu mir“, fand die Ältere als erstes ihre Sprache wieder. Finn blieb wie festverwurzelt stehen, sein Blick wanderte ganz langsam von der älteren zur jungen Frau.
„Hatte sie einen Unfall? Ist … sie … tot?“
Erschüttert stand die junge Polizistin mit Tränen in den Augen da und brachte kein Wort über die Lippen. Die etwa 50jährige sprang ein: „Deine Mama war auf dem Weg nach Hause, als vor ihr in einem Waldstück offenbar Wildschweine die Straße überquerten. Sie wollte ausweichen und fuhr gegen einen großen Baum. Es tut mir sehr leid, Finn, aber sie ist im Krankenhaus gestorben.
Finn stand einen Augenblick wie erstarrt, drehte sich plötzlich um, rannte in sein Zimmer, knallte die Tür zu und warf sich bäuchlings aufs Bett. Er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
So lag er auch immer noch in seinem Heimzimmer, den Plüsch-Dackel im Arm, als es an der Tür klopfte. Da er sich nicht rührte und keinen Ton von sich gab, öffnete sich leise die Tür und Rosmarie lugte vorsichtig herein.
„Finn, was hältst du davon, wenn wir beide deine Mama besuchen?“
Er rührte sich nicht.
„Finn, ich weiß, dass du nicht schläfst. Möchtest du mit mir zu deiner Mama gehen?“
Langsam drehte sich der Junge herum, setzte die Beine auf den Fußboden, hob den Oberköper und sein verweintes Gesicht nickte ganz leicht.
„Na dann komm! Wir waschen uns die Tränen aus dem Gesicht und ziehen uns an.“
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