Leseprobe: Finn und die Rätsel der Vergangenheit

Tauchen Sie ein in den zweiten Band der packenden Reihe um den Waisenjungen Finn. Erleben Sie den fesselnden Prolog von „Finn und die Rätsel der Vergangenheit“, der ein düsteres Geheimnis birgt und den Beginn einer dramatischen Kette von Ereignissen markiert.

Die Nebelschwaden verdichteten sich, die Sicht wurde immer schlechter. Ein leichter Föhn hauchte über Wald und Wiesen. Der Regen der vergangenen Tage verdunstete vom frischen Grün der Blätter und den Halmen der Gräser. Gespenstische Ruhe lag über der Landschaft. Bei Marcel Schieder kam diese Ruhe nicht an. Er saß in seinem neuen A4 und trommelte mit den Fingern beider Hände nervös auf das Lenkrad. Was tat er hier? Warum hatte er sich auf dieses Treffen eingelassen?

... Yasmins Mitteilung, dass sie schwanger sei, nahm er nicht ernst, hielt es für eine Finte, um ihn an sie zu fesseln. Doch dann sah er die Veränderungen an ihrem Körper und musste der Wahrheit ins Auge sehen. Yasmin wollte das Kind unbedingt. Wenigstens hatte sie ihm angeboten, gegen die Zahlung von 10.000 DM seinen Namen als Vater nicht zu nennen. Bis heute hatte sie sich an die Absprache gehalten. Und er hat ihren gemeinsamen Sohn all die Jahre nie zu Gesicht bekommen. Der mittlerweile Neunjährige bedeutete ihm nichts. Seine beiden Kinder, die er mit Tanja gezeugt hatte, liebte er dagegen über alles.

... Endlich sah er einen schwachen Lichtschein im nebligen Schleier, der langsam kräftiger wurde. War es Yasmin? Wenn ja, dann drückte sie gerade kräftig aufs Gaspedal. Zu kräftig, wie er fand. Jetzt hörte er schon den laut heulenden Motor. Plötzlich bemerkte er dunkle Schatten, die aus dem Waldstück an der rechten Fahrbahnseite auf die Straße liefen. Sie standen bereits mitten auf der Fahrbahn, als die Bremsen quietschten, das Auto einen Schwenk nach links machte und mit berstendem Krachen an einem Baum landete. Marcel war einige Sekunden zu keiner Bewegung fähig, dann öffnete er langsam die Fahrertür und stieg aus. Eine bleierne Stille umgab ihn. Die Schatten waren, wie von Geisterhand gesteuert, verschwunden.

Im festen Willen zu helfen, eilte er auf das Autowrack zu, sah schon von Weitem den schlaff herabhängenden Airbag auf der Fahrerseite und eine Frau, eigenartig verrenkt dahinter sitzend. Die linke Seite des Autos war zieharmonikaartig zerknittert, die Fahrertür so verklemmt, dass sie sich von ihm nicht öffnen ließ. Durch die zersplitterte Scheibe erkannte er Yasmin, die aus einer Wunde am Kopf blutete und deren linker Arm eigenartig verrenkt herunterhing. Sie lag bewusstlos in den Sicherheitsgurten, doch die Finger der rechten Hand bewegten sich leicht. Sie lebte also noch. In diesem Moment versagte sein Drang, ihr zu helfen. Den Rettungsdienst rufen? Wie denn? Ein Handy besaß er nicht. Und was sollte er denen sagen, warum er hier gewartet hatte? Würde die Polizei ihn vielleicht sogar als Verursacher des Unfalls in Betracht ziehen?

 

Lösten sich durch den Unfall nicht gerade all seine Probleme! Instinktiv wanderte seine rechte Hand in die Innentasche seines Sakkos, spürten die Finger den Umschlag mit den Geldscheinen, den er nun behalten konnte. Der Sommerurlaub war gerettet!

Marcel zögerte instinktiv noch einen kurzen Moment, dann drehte er sich vom Auto und der schwer verletzten Yasmin weg und lief schnellen Schrittes zu seinem Fahrzeug. Er startete den Motor und fuhr davon. Die um ihn herum wabernden Nebelschwaden forderten seine ganze Aufmerksamkeit, ließen nicht die Spur eines Gedankens an die dramatischen Folgen seines Handelns zu. Je weiter er sich von der Unfallstelle entfernte, desto mehr hatte sich sein ursprüngliches Vorhaben, die Rettungsstelle zu informieren, im Nebel des heranbrechenden Tages aufgelöst.

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